Maske, Rohr, Flossen — und schon sieht man Fische. In der Theorie stimmt das. In der Praxis beschlägt die Maske, das Rohr füllt sich dreimal mit Wasser, und die Flossen passen wie immer nicht ganz. Macht nichts: Die dreissig Sekunden stille Unterwasserwelt danach sind es trotzdem wert.
Schnorcheln ist die Urlaubsaktivität, bei der die Lernkurve steil ist und die Ausrüstung selten optimal. Es ist auch die Aktivität, nach der Kinder, die vor einer Stunde noch auf keinen Fall ins Wasser wollten, fragen ob man morgen wiederkommt. Das Wasser gewinnt immer.
Abschnitt 1
Die Ausrüstung
Schnorchelausrüstung leihen oder kaufen — das ist die erste Frage und sie wird unterschiedlich beantwortet. Wer leiht: zahlt weniger, bekommt Ausrüstung die nach Gummi riecht und an der man nicht weiss, wie viele Menschen sie vor einem getragen haben. Wer kauft: hat hinterher drei Masken zu Hause liegen, die man vielleicht nächstes Jahr wieder benutzt, wahrscheinlich aber nicht. Der Kompromiss — manche leihen, manche bringen eigene — führt dazu, dass alle unterschiedlich gut ausgerüstet sind und derjenige mit der teuren Maske genau dann einen Rochen sieht, während alle anderen mit beschlagenen Leihmasken gegen die Strömung ankämpfen. Die Flossen sind ein eigenes Kapitel. Grösse M passt meistens niemandem perfekt. Man läuft trotzdem damit ins Wasser, weil die Flossen nun mal dabei sind und man ja Flossen haben wollte. An die Tatsache, dass man mit Flossen rückwärts ins Wasser gehen muss, erinnert man sich immer erst dann, wenn man schon steht und das Wasser schon in den Sandalen ist.
Ich habe die Leihausrüstung mit Desinfektionsmittel eingesprüht, bevor ich sie angezogen habe. Ich habe auch eine eigene Maske mitgebracht, als Backup. Die eigene Maske hat besser gepasst. Ich hätte das früher wissen können.
Abschnitt 2
Das Einwassern
Der Gang ins Wasser mit Schnorchelausrüstung hat eine eigene Choreographie. Maske auf der Stirn, Flossen in der Hand, man watschelt zum Wasser. Ab einem Meter Wassertiefe zieht man die Flossen an — das geht im Stehen kaum, also hüpft man auf einem Bein, fällt fast hin, fängt sich wieder. Jemand lacht. Dann Maske auf die Augen, Schnorkel in den Mund, und: ins Wasser legen. Hier passiert es: Der Körper weiss noch nicht, dass er gleich atmen soll, obwohl das Gesicht ins Wasser zeigt. Der erste Reflex ist trotzdem, den Kopf hochzureissen. Beim zweiten Mal klappt es schon besser. Beim dritten Mal liegt man tatsächlich flach und atmet durch das Rohr und schaut nach unten. Und dann: Stille. Türkises Wasser, Sonnenlichtmuster auf dem sandigen Boden, irgendwo ein kleiner Fisch. Für dreissig Sekunden verschwindet alles — die Familie, der Steg, der Sonnencremegeruch, die Hitze. Es ist sehr schön. Dann beschlägt die Maske.
Ich bin problemlos reingekommen. Ich habe vorher gelesen, wie man Flossen richtig anlegt. Ich habe die Maske mit Spucke eingerieben, damit sie nicht beschlägt. Es hat geklappt. Ich sage das nicht, um zu prahlen. Ich sage es, weil Vorbereitung hilft.
Abschnitt 3
Die Maske
Schnorchelmasken beschlagen. Das ist eine Naturkonstante wie das Gezeitenrauschen oder das Eis-zerschmelzen. Man kann es mit Spucke verzögern — was hygienisch grenzwertig ist, aber funktioniert — oder mit speziellem Anti-Fog-Spray, das man nicht dabei hat. Irgendwann steht man mit einer Maske die innen wie eine Sauna ist und draussen blaues Wasser zeigt, und muss entscheiden: hochkommen, ausziehen, ausspülen, wieder rein. Das macht man dreimal. Dann gibt man auf und schaut durch den Beschlag wie durch eine Mattglasscheibe. Man sieht trotzdem Fische. Das Rohr ist ebenfalls eine Angelegenheit für sich. Es füllt sich mit Wasser, wenn man zu tief taucht oder zu lange unter Wasser bleibt oder wenn eine Welle kommt. Das Wasser spuckt man kraftvoll aus — das macht ein lautes Geräusch und alle schauen her. Das ist normal. Das macht jeder. Das ändert nichts daran, dass man kurz guckt, ob jemand zugeschaut hat.
Meine Maske hat nicht beschlagen. Ich habe sie vor dem Urlaub mit Zahnpasta poliert — das ist die Methode, die wirklich funktioniert. Ich habe den anderen das auch gesagt. Niemand hat zugehört.
Abschnitt 4
Die Fische
Irgendwann sieht man tatsächlich Fische. Kleine silberne, die in Gruppen schwimmen und auf Abstand bleiben. Manchmal einen grösseren, der langsam am Boden entlangzieht und sich von niemandem beeindrucken lässt. Sehr selten etwas Besonderes — eine Seeschildkröte, ein Tintenfisch, einen Igelfisch — und dann ist die Aufregung gross: man klopft auf den Arm des Nächsten unter Wasser, zeigt in eine Richtung, die Person schaut in die falsche Richtung, man zeigt nochmal, das Tier ist schon weg. Hinterher wird es trotzdem zum Höhepunkt des Tages. Abends sagt jemand: Der Fisch war mindestens so gross, und streckt die Arme weit aus. Der Fisch war nicht so gross. Aber er war da, und man hat ihn gesehen, und das zählt. Kinder, die vor zwanzig Minuten noch auf keinen Fall ins Wasser wollten, kommen jetzt von selbst und fragen ob man morgen wiederkommt. Man sagt ja. Morgen werden die Masken wieder beschlagen.
Ich habe einen Barrakuda gesehen. Etwa neunzig Zentimeter lang, ruhig, Parallelkurs. Ich habe das Foto danach angeschaut: verschwommen, hauptsächlich meine eigene Flosse im Vordergrund. Das war der beste Fisch des Urlaubs. Beweislos.
Abschnitt 5
Das Rauskommen
Raus aus dem Wasser mit Schnorchelausrüstung ist die zweite Choreographie, und sie ist schwieriger als die erste. Flossen im flachen Wasser ausziehen — man steht wieder auf einem Bein, diesmal mit mehr Sand und weniger Gleichgewicht. Maske auf die Stirn. Raus auf den Steg, ohne zu stolpern. Das gelingt meistens nicht ganz: ein Knie auf dem Holz, eine Flosse klappert. Dann liegt man in der Sonne, der Rücken noch nass, die Maske auf der Stirn, Salzgeschmack im Mund. Jemand fragt: War schön, oder? Und man nickt, weil es tatsächlich schön war — nicht trotz der beschlagenen Maske und dem Rohr voll Wasser und den Flossen, die nie ganz passen. Sondern wegen all dem zusammen. Es ist der Aufwand, der die dreissig Sekunden stille türkise Unterwasserwelt so gut macht. Und dann will doch noch jemand rein, der vorhin nicht wollte, und braucht Hilfe bei den Flossen, und man steht auf und hilft, weil man weiss wie es ist wenn man das zum ersten Mal macht.
Ich bin sauber rausgekommen. Flossen ordentlich ausgezogen, Maske gespült, Handtuch bereit. Ich hatte alles vorbereitet. Das ist kein Glück. Das ist Logistik.
Was das mit gemeinsamer Planung zu tun hat
Schnorcheln ist freiwillig — und das ist der Schlüssel. Wenn fünf Personen unterschiedlich viel Lust auf Wasser haben, endet ein Gruppenbeschluss meistens damit, dass jemand mit am Steg sitzt und wartet. In planaway lässt sich das im Voraus klären: Wer will? Wer schaut lieber zu? Wer braucht noch Überzeugungsarbeit? Eine kurze Abstimmung im Trip, bevor man die Ausrüstung leiht, spart den Steg-Moment.
Den Barrakuda fotografiert man trotzdem irgendwie immer mit der eigenen Flosse im Vordergrund. Das ist nicht planbar.

Murmeli hat die Maske mit Spucke eingerieben. Murmeli hat auch jemanden ins Wasser überredet, der eigentlich nicht wollte. Der Fisch war gross. Murmeli hat ihn gesehen. Kein Foto, dafür eine sehr gute Erinnerung.


