Das Kanu ist eine der ehrlichsten Aktivitäten im Familienurlaub. Es macht keine Kompromisse. Es fährt exakt dorthin, wohin alle zusammen paddeln — und dreht sich genau dann im Kreis, wenn jeder etwas anderes möchte. Das ist unbequem. Das ist auch eine ziemlich gute Metapher.
Am Verleih sieht alles einfach aus. Die Boote liegen ruhig am Steg. Das Wasser glitzert. Die Einweisung dauert drei Minuten. Man nickt. Man steigt ein. Und dann stellt sich heraus, dass „einfach paddeln" eine sehr unpräzise Beschreibung dessen ist, was tatsächlich nötig ist: nämlich dass vier Personen zur selben Zeit in dieselbe Richtung wollen, mit ungefähr ähnlicher Kraft, in einem abgesprochenen Rhythmus. Das ist keine Kanufahrt. Das ist Gruppenkoordination mit Paddeln.
Abschnitt 1
Die Einweisung
Am Verleih gibt es eine Einweisung. Sie dauert drei Minuten und erklärt, wie man vorwärts paddelt, wie man rückwärts paddelt, und wie man das Gleichgewicht hält. Der Mann vom Verleih sagt das ruhig und mit dem Ton von jemandem, der weiss, was gleich passiert. Die Familie hört zu. Alle nicken. Einer stellt die Frage, ob es Schwimmwesten gibt, was eine gute Frage ist. Eine andere Frage wäre gewesen: Wer sitzt vorne, wer hinten, und haben wir das abgesprochen? Diese Frage stellt niemand. Die Antwort ergibt sich dann am Steg von selbst, ungünstig und spontan, mit zwei Personen gleichzeitig einsteigend auf derselben Seite und dem Boot, das dabei leicht erschrickt.
Die Einweisung dauerte 2 Minuten 47 Sekunden. Ich habe mitgezählt. Die Frage nach den Schwimmwesten kam nach 1 Minute 12 Sekunden. Ich hätte früher gefragt.
Abschnitt 2
Die erste Kurve
Die erste Kurve zeigt, was man in der Einweisung nicht gehört hat: dass ein Kanu eine Zusammenarbeit ist. Dass vorne und hinten mit unterschiedlicher Hebelwirkung paddeln. Dass „ich paddle jetzt links" und „ich paddle auch links" keine gute Idee ist, wenn man geradeaus möchte. Das Kanu versteht sich als ehrliches Gerät. Es fährt exakt dorthin, wohin die Summe aller Paddelschläge zeigt. Die Summe zeigt in dieser ersten Minute in keine sinnvolle Richtung. Das Kanu dreht sich einmal. Dann noch einmal. Das Ufer entfernt sich nicht, es bleibt einfach hartnäckig an einer anderen Stelle, als man möchte. Das Kind findet das lustig. Das ist wenigstens etwas.
Wir haben in den ersten vier Minuten eine Nettovorwärtsbewegung von circa sieben Metern erzielt. Die tatsächliche Distanz zurückgelegt: ungefähr 40 Meter. Effizienz: 17,5 Prozent. Ich habe es nicht laut gesagt.
Abschnitt 3
Die Paddel-Diskussion
Ab einem gewissen Punkt findet eine Diskussion statt, wie man paddelt. Diese Diskussion findet statt, während man paddelt, was eine ungünstige Kombination ist. Einer erklärt, dass man den Paddelschaft tiefer greifen muss. Ein anderer erklärt, dass es auf die Zugerichtung ankommt, nicht auf den Griff. Der Teenager sagt, er habe ein Video gesehen, in dem das anders gemacht wird. Das Kind hat aufgehört zu paddeln und hält das Paddel als Fahne. Das Kanu dreht sich derweil weiter. Die Diskussion ist nicht unfreundlich. Sie ist nur nicht das, was man für die Navigation braucht. Irgendwann paddelt wieder jemand einfach, ohne zu erklären, und das Kanu bewegt sich tatsächlich vorwärts. Das ist der Moment, den man hinterher als „wir haben den Dreh raus" beschreibt.
Ich habe nach Minute sieben aufgehört zu kommentieren und einfach gleichmässig von hinten gesteuert. Das Boot fuhr danach besser. Niemand hat bemerkt, dass ich die gesamte Steuerarbeit übernommen hatte. Das ist in Ordnung.
Abschnitt 4
Die ruhige Strecke
Dann kommt der Moment, der all das aufhebt. Das Wasser wird breiter, die Strömung lässt nach, und plötzlich funktioniert es. Die Paddelschläge passen zusammen. Das Kanu läuft geradeaus. Niemand sagt etwas. Man hört Wasser, Vögel, einen fernen Traktor. Das Kind lässt die Hand ins Wasser hängen. Der Teenager legt das Paddel quer und schaut in den Himmel. Die Erwachsenen paddeln gleichmässig. Das Kanu gleitet. Es ist für einige Minuten so still und so schön, dass man vergisst, wie lange man dafür gebraucht hat. Das ist die Kanufahrt, die man sich erinnert, wenn jemand fragt: War das schön? Man sagt: Ja. Und meint diese zehn Minuten. Den Rest lässt man weg.
Die ruhige Strecke dauerte elf Minuten. Ich habe sie vollständig genossen. Ich habe das niemandem gesagt, aber ich fand es sehr schön. Ich paddele gerne.
Abschnitt 5
Das Anlegen
Das Anlegen ist der zweite Moment, der zeigt, was man gelernt hat. Man muss seitlich an den Steg heran, gegen die leichte Strömung, langsam und kontrolliert. Das funktioniert meistens nicht beim ersten Versuch. Beim zweiten Versuch kommt man etwas zu schnell an und das Boot macht ein Geräusch. Beim dritten Versuch hilft der Mann vom Verleih kurz mit einem langen Haken nach. Man steigt aus. Die Beine sind ein wenig wacklig, die Schultern etwas müde. Jemand sagt: „Das machen wir nächste Jahr wieder." Jemand anderes sagt: „Vielleicht mit einem zweiten Kanu." Das ist kein Kritik. Das ist Planung.
Wir haben dreimal angelegt. Versuche eins und zwei scheiterten. Versuch drei war technisch erfolgreich. Gesamtanlege-Zeit: 4 Minuten 20 Sekunden. Ich habe das Boot beim zweiten Versuch nicht beschädigt, nur leicht gestreift. Der Steg ist aus Hartholz. Er hat es nicht gespürt.
Was das Kanu mit gemeinsamem Planen zu tun hat
Die Kanufahrt funktioniert dann, wenn jemand die Richtung kennt und alle anderen das wissen. Nicht weil einer bestimmt, sondern weil es einen abgestimmten Plan gibt: vorne setzt das Tempo, hinten steuert, das Boot läuft. Familienurlaub ist genauso — nicht weil alle dasselbe wollen, sondern weil man einen Rahmen hat, in dem die verschiedenen Wünsche einen gemeinsamen Kurs ergeben. Planaway ist dieser Rahmen. Murmeli paddelt hinten. Er steuert ruhig und ohne Aufsehen — und sorgt dafür, dass man trotz allem irgendwann die ruhige Strecke erreicht.
Das zweite Kanu im nächsten Jahr ist übrigens eine gute Idee. Weniger Diskussion. Mehr Strecke. Man sieht sich am anderen Ufer.

Murmeli paddelt immer gleichmässig von hinten. Er steuert. Er sagt nichts. Das Boot läuft.

