24. September 2026 · 5 Min Lesezeit

Der Flohmarkt: Warum eine Familie von vier Personen mit einem alten Messinghorn und drei ungeteilten Meinungen nach Hause fährt

Handgezeichnete Kinderbuch-Szene: Eine Familie auf einem bunten Flohmarkt auf einem Dorfplatz — ein Elternteil beugt sich begeistert über einen Stand mit alten Messingobjekten, das andere steht mit verschränkten Armen daneben, der Teenager lehnt gelangweilt an einer Laterne, das Kind drückt sein Gesicht an ein Glas mit Murmeln. Murmeli steht auf einem der Stände in einer kleinen Schürze, Grummeli schleppt eine überfüllte Tasche mit einer komischen Lampe.

Der Flohmarkt ist ein Samstagmorgen-Phänomen. Er taucht auf, wenn man eigentlich schon einen Plan hatte. Er kostet wenig und nimmt dafür Zeit, Gepäckvolumen und mindestens eine halbe Stunde Kofferraum-Diskussion. Er ist trotzdem fast immer eine gute Idee — aber das weiss man erst hinterher.

Die Logik des Urlaubsflohmarkts ist einfach: Man ist entspannt genug, um Dinge interessant zu finden, die man zuhause links liegen lassen würde. Man hat Zeit. Man hat etwas Kleingeld. Man ist mit Menschen unterwegs, die alle gleichzeitig etwas anderes wollen, und der Flohmarkt ist gross genug, dass jeder kurz sein eigenes Ding macht — bis das Messinghorn auftaucht und alle wieder am selben Stand stehen.

Abschnitt 1

Die Entdeckung

„Nur kurz reinschauen" ist einer der gefährlichsten Sätze im Familienurlaub. Er klingt nach nichts. Er ist nichts — eine leere Absichtserklärung, die niemanden zu etwas verpflichtet. Der Flohmarkt ist zufällig da. Man ist zufällig vorbeigegangen. Man geht einfach kurz rein. Der erste Fehler ist, dass man keinen Rucksack dabei hat. Der zweite ist, dass man gedacht hat, man könne einfach schauen, ohne zu kaufen. Der dritte ist, dass man vergessen hat, dass im Familienurlaub „kurz reinschauen" für jedes Familienmitglied etwas anderes bedeutet. Für eines heisst es: schnell einen Blick riskieren und danach Eis essen. Für ein anderes: diese Schale hier ist aus dem 18. Jahrhundert, ich weiss das, weil der Stand-Betreiber es gesagt hat, und ich will sie haben. Für das dritte: kann ich bitte aufs WC. Für das vierte: kein Signal hier.

Grummeli kommentiertIch habe den Satz ‚nur kurz reinschauen' nicht gesagt. Ich habe ihn auch nicht bestritten. Ich habe ihn zur Kenntnis genommen und eine mentale Zeitschätzung von 47 Minuten angesetzt. Es wurden 118 Minuten. Die Abweichung liegt bei 71 Minuten.

Abschnitt 2

Die Stände

Flohmarktware sortiert sich in drei Kategorien. Erstens: Dinge, die jemand anderes weggeworfen hat und die man für einen Moment interessant findet. Zweitens: Dinge, die jemand anderes weggeworfen hat und die man tatsächlich kauft. Drittens: Dinge, bei denen man nicht versteht, warum sie hier sind. Auf dem Familien-Flohmarkt kommen zwei weitere Kategorien hinzu: Dinge, die das Kind unbedingt haben möchte und für die man am Ende fünf Franken zu viel bezahlt. Und Dinge, auf die ein Elternteil zeigt und sagt: „Das wäre doch was für die Küche", während der andere bereits rechnet, wie das in den Kofferraum passen soll, ohne dass die Feriensachen hinausmüssen. Der Stand mit den alten Radios zieht alle an. Niemand braucht ein altes Radio. Das ist bei Flohmärkten kein Hindernis.

Grummeli kommentiertIch habe berechnet: Wir haben an sieben Ständen gehalten. An drei davon länger als zehn Minuten. Gesamtausgaben: 34 Franken. Transportverhältnis Nutzwert zu Volumen: nicht günstig.

Abschnitt 3

Das Objekt der Begierde

Es passiert immer. Irgendwo auf dem Flohmarkt findet jemand ein Objekt, das in keinem Fall mitmuss, das aber trotzdem mitkommt. In diesem Fall ist es ein altes Messinghorn. Es ist gross. Es ist schwer. Es klingt, wenn man hineinbläst, wie eine Kuh, die schlecht drauf ist. Der Besitzer erklärt, es sei aus einer Alphorn-Werkstatt in den 1960er Jahren, woraufhin sofort die Frage entsteht, ob das ein Wert ist. Der eine Erwachsene findet: ja. Der andere findet: nein, das ist ein schweres Messingding, das in keine Schublade passt. Das Kind findet: kann ich mal reinblasen? Der Teenager hat das Kopfhörer-Geräusch gemacht, das signalisiert, dass er nicht Teil dieser Diskussion sein möchte. Das Horn kommt mit. Der Preis war fair. Das Gewicht ist das Problem.

Grummeli kommentiertDas Horn wiegt 2,3 Kilogramm. Ich habe es geschätzt. Ich habe es danach auf einer Personenwaage kontrolliert, als niemand zugeschaut hat. Meine Schätzung lag bei 2,2 Kilogramm. Ich war nah dran.

Abschnitt 4

Der Rückweg

Der Rückweg ist der ehrlichste Teil des Flohmarkt-Besuchs. Man trägt jetzt alles. Das Messinghorn ist schwer, was bekannt war. Die Schale aus dem 18. Jahrhundert ist nicht so gross, braucht aber Handgepäck-Aufmerksamkeit, weil sie zerbrechlich ist. Der Anhänger aus Holz, den das Kind für drei Franken gekauft hat, hat einen Faden, der sich in allem verheddert. Man läuft durch den Ort zurück, jeder trägt irgendetwas, niemand hat beide Hände frei. Der eine Erwachsene sagt: „War schön, oder?" Das stimmt tatsächlich. Der andere sagt: „Ja, aber das Horn geht nicht in den Kofferraum, wenn das Kinderwagen-Verdeck noch drin ist." Das stimmt auch. Das ist Familienurlaub: beides gleichzeitig stimmt.

Grummeli kommentiertDas Horn passt in den Kofferraum, wenn man es diagonal legt und die Ferientasche mit den Handtüchern auf dem Rücksitz unterbringt. Ich habe das beim Einladen still demonstriert. Niemand hat nachgefragt, wie ich das herausgefunden habe.

Abschnitt 5

Was danach bleibt

Zuhause, nach dem Urlaub, steht das Messinghorn im Flur. Es passt nicht wirklich dorthin. Es passt auch nicht in ein Regal, weil es für Regale zu gross ist. Es steht im Flur und wird zuerst als Kuriosität kommentiert von Leuten, die zu Besuch kommen, und dann als selbstverständlich betrachtet, weil es da ist. Irgendwann, in einigen Jahren, wird jemand sagen: „Woher haben wir das eigentlich?" Und jemand wird sagen: „Vom Flohmarkt. Urlaub in —" und dann den Ort nennen, und dann erinnert man sich kurz, wie das war: der Stand, das Gewicht, der Rückweg durch den Ort, das Kind mit dem verhedderten Anhänger. Das ist das Objekt nicht wert, das für sich allein. Aber in Kombination mit der Erinnerung ist es vielleicht doch etwas wert. Das ist, was Flohmärkte im Urlaub machen: Sie verkaufen nicht Dinge, sondern Anlässe. Das versteht man erst auf dem Rückweg.

Grummeli kommentiertDas Horn hängt jetzt im Flur. Ich habe vorgeschlagen, es an die Wand zu montieren, damit es nicht mehr umfällt. Der Vorschlag wurde akzeptiert. Ich habe es montiert. Es hängt gerade.

Was Flohmärkte mit gemeinsamer Planung zu tun haben

Wer Familienurlaub gemeinsam plant, weiss: Es gibt Programme, die man einplant, und Programme, die einfach passieren. Der Flohmarkt ist fast immer Letzteres — ein spontaner Abstecher, der aus dem Raster fällt und genau deshalb im Gedächtnis bleibt. Planaway lässt Raum für beides: die fixe Wanderung am Dienstag und das offene Fenster am Samstagnachmittag, in das ein Flohmarkt, eine Eisdiele oder ein unerwartet guter Spielplatz passen kann. Murmeli plant das Wesentliche — und lässt den Rest offen.

Das Messinghorn findet man nicht, wenn man es sucht. Man findet es, wenn man einfach kurz reinschaut.

Murmeli hält nachdenklich die Pfote ans Kinn und überlegt, ob das Horn seinen Platz im Flur verdient

Murmeli hat das Horn für einen fairen Preis verhandelt. Murmeli trägt es auch. Murmeli findet: es passt doch ganz gut in den Flur.

Grummeli hat Gewicht, Preis und Transportaufwand des Horns sorgfältig notiert