Mitte Oktober machen die meisten Berghütten zu. Das letzte Wochenende vor Saisonschluss hat etwas Besonderes: Die Wege sind leer, die Lärchen leuchten gelb, und auf der Hütte gibt es, was eben noch da ist. Eine Familie, die sonst über jedes Abendessen verhandelt, erlebt hier etwas Neues: dass es auch ohne Auswahl gehen kann.
Die Berghütte ist das Gegenteil von allem, was ein Ferienhaus bietet. Kein eigenes Zimmer, keine Küche, kein Kühlschrank mit Lieblingsjoghurt. Dafür ein fester Ablauf: ankommen, Schuhe in den Schuhraum, Abendessen um halb sieben, Hüttenruhe um zehn. Wer gewohnt ist, dass im Urlaub alles verhandelbar ist, hält das für eine Einschränkung. Am Ende des Abends hält man es für eine Erlösung.
Abschnitt 1
Die Reservierung
Berghütten reserviert man nicht über ein Buchungsportal. Man ruft an. Am Telefon ist die Hüttenwirtin, im Hintergrund klappert Geschirr, und die Fragen sind kurz: Wie viele? Wann? Halbpension? Lager oder Zimmer? Das Zimmer ist seit Juli ausgebucht. Es bleibt das Lager. Jemand in der Familie hat vorher eine Liste mit Fragen vorbereitet: ob es WLAN gibt, ob man Allergien vorab melden kann, ob es eine vegetarische Option, eine glutenfreie Option und eine Option für Kinder gibt, die keine Soße mögen. Die Hüttenwirtin beantwortet alles mit einem Satz: „Es gibt, was es gibt.“ Dann legt sie auf. Die Reservierung ist bestätigt.
Vorbereitete Fragen: 9. Gestellte Fragen: 4. Beantwortete Fragen: 0. Gesprächsdauer: 58 Sekunden. Ich habe diese Frau sofort ins Herz geschlossen.
Abschnitt 2
Der Aufstieg
Der Aufstieg ist mit drei Stunden angegeben. Die Person mit der GPS-Uhr hat ausgerechnet, dass es mit Kindern vier Stunden zwanzig werden, und eine Pausenstruktur entworfen: alle fünfzig Minuten zehn Minuten, mit festgelegten Snacks. Die Kinder halten sich nicht an die Pausenstruktur. Sie rennen vorneweg, bleiben an jedem Bach stehen, rennen wieder. Nach zwei Stunden sitzen sie gut gelaunt an einer Bank und warten. Die Person mit der GPS-Uhr kommt einige Minuten später an, schwer atmend, und erklärt, dass sie wegen der Pausenstruktur so langsam war. Die Uhr zeigt 1240 Höhenmeter an. Es waren 780. Die Uhr hat offenbar auch Kinder.
Geplante Pausen: 4. Eingehaltene Pausen: 4, allerdings nur von der Person, die sie geplant hat. Die Kinder haben oben gewartet und Wetten abgeschlossen. Ich habe auf ‚kommt gar nicht‘ gesetzt und knapp verloren.
Abschnitt 3
Das Hüttenessen
Um halb sieben gibt es Abendessen. Es gibt Gerstensuppe, dann Käsespätzle, dann Kaiserschmarrn. Es gibt keine Karte. Es gibt keine Auswahl. Und das Erstaunliche passiert: Niemand diskutiert. Das Kind, das zu Hause keine Zwiebeln isst, isst die Zwiebeln, weil es hier eben Zwiebeln gibt. Der Teenager, der seit drei Monaten „eigentlich keine Kohlenhydrate“ isst, nimmt zweimal Kaiserschmarrn. Am Tisch wird gelacht statt verhandelt. Es ist das erste Abendessen der ganzen Reisesaison, bei dem keine einzige Minute für die Frage „Was wollt ihr essen?“ draufgegangen ist. Die Hüttenwirtin hat in einem Satz erledigt, was die Familie den ganzen Sommer nicht geschafft hat.
Dauer der Essensdiskussion im Sommerurlaub: durchschnittlich 34 Minuten pro Abend. Auf der Hütte: 0. Ich schlage vor, die Hüttenwirtin als Familienoberhaupt einzusetzen. Den aktuellen Amtsinhaber würde ich dafür im Tal lassen.
Abschnitt 4
Das Matratzenlager
Um zehn ist Hüttenruhe. Vierzehn Menschen liegen nebeneinander, Schulter an Schulter, in Hüttenschlafsäcken unter karierten Decken. Es riecht nach Holz, Wollsocken und ein bisschen nach dem, was Wanderschuhe nach sechs Stunden eben riechen. Zehn Minuten lang ist es still. Dann beginnt jemand zu schnarchen. Es ist ein Elternteil. Das Schnarchen ist rhythmisch, kräftig und erstaunlich ausdauernd. Ein Fremder am anderen Ende legt sich das Kissen auf den Kopf. Das Kind liest unter der Decke mit Stirnlampe ein Buch, was eigentlich nicht erlaubt ist, aber niemand hat die Kraft, es zu verbieten. Um zwei Uhr nachts ist ungefähr die Hälfte des Lagers wach. Der Schnarcher schläft hervorragend.
Schnarch-Phasen zwischen 22:12 und 05:40 Uhr: 11. Längste Phase: 47 Minuten. Ich habe einen Wanderschuh in Wurfposition gebracht. Ich habe ihn nicht geworfen. Ich wollte nur, dass er weiß, dass ich es könnte.
Abschnitt 5
Der Sonnenaufgang
Um Viertel vor sechs klingelt ein Wecker. Es ist der Wecker der Person mit der GPS-Uhr, die den Sonnenaufgang auf keinen Fall verpassen will und vergessen hat, dass ein Wecker im Matratzenlager für vierzehn Menschen klingelt. Man steht auf, weil liegen bleiben jetzt auch keinen Sinn mehr ergibt. Man tappt in Socken nach draußen, eine Jacke über dem Schlafanzug. Und dann steht man da, vor der Hütte, in der Kälte, und die Sonne kommt über den Grat. Die Gipfel werden rosa, dann golden. Niemand sagt etwas. Sogar der Fremde mit dem Kissen steht da und lächelt. Es ist einer dieser Momente, für die man die ganze Nacht sofort noch einmal in Kauf nehmen würde. Fast.
Wecker um 05:45 Uhr im Lager für 14 Personen. 13 Augenpaare haben sich gleichzeitig auf eine Person gerichtet. Ich habe die Gesichter notiert. Falls jemand im Tal eine Zeugenaussage braucht.
Was die Berghütte mit gemeinsamem Planen zu tun hat
Die Hütte zeigt etwas, das man im Familienurlaub leicht vergisst: Zu viel Auswahl macht Entscheidungen nicht besser, sondern länger. Die offene Frage „Was wollt ihr heute machen?“ führt zu einer halben Stunde Diskussion. Zwei oder drei konkrete Vorschläge führen zu einer Entscheidung. Genau so arbeitet Murmeli in planaway: Statt eine leere Liste hinzulegen, schlägt er auf Wunsch zwei, drei passende Ideen für euren Trip vor, und ihr stimmt darüber ab. Ein Tipp, und der Programmpunkt steht.
Das Hüttenmenü schlägt er euch übrigens nicht vor. Das gibt es, was es gibt. Und es ist gut so.

Murmeli schläft im Matratzenlager wie ein Murmeltier. Er ist schließlich eins.

